Begrüßung

Feierstunde der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944 am 20. Juli 2026 um 11:00 Uhr im Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin anlässlich des 82. Jahrestages des 20. Juli 1944


- Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück (Vorsitzender des Vorstands der Stiftung 20. Juli 1944) -



Sehr geehrte Frau Bundesministerin Prien,
sehr geehrter Herr Bundesminister Pistorius,
liebe Angehörige,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Evers,
Exzellenzen,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften
sehr geehrte Gäste!
Zur Feierstunde der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944 begrüße
ich Sie alle!


Wir freuen uns,
die Vizepräsidentin der Deutschen Bundestages, Frau Lindholz,
Herrn Bundesverfassungsrichter Professor Eifert,
Mitglieder des Deutschen Bundestages und des Abgeordnetenhauses
sowie weitere Repräsentanten des Bundes und der Länder unter den rund
700 Anwesenden hier begrüßen zu können und ebenso alle, die diese Gedenkveranstaltung im Fernsehen und über den Livestream verfolgen.


Hier im Ehrenhof des Bendlerblocks erinnern wir an den Versuch heute vor
82 Jahren, das NS-Unrechtsregime zu stürzen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg konnte als Chef des Stabes des Befehlshabers des Ersatzheeres das Attentat auf Hitler in der sog. Wolfsschanze ausführen; von hier aus sollten dann mit dem Operationsplan Walküre die militärischen und politischen Schaltstellen übernommen werden.
Es war der Versuch eines mit militärischen Mitteln ausgeführten Staatsstreiches und doch war der 20. Juli 1944 weit mehr. Die NS-Propaganda hat wider ihr eigenes Wissen großen Wert auf die Darstellung gelegt, dass der Umsturzversuch nur von einer kleinen Gruppe von Offizieren ausgeübt worden sei. Das wurde den Deutschen eingehämmert und prägt bis heute das Bild. Tatsächlich beruhte der Umsturzversuch auf einem großen Netzwerk von Soldaten aller Dienstgrade mit Menschen aus vielen und sehr konträren politischen, sozialen, gesellschaftlichen und kirchlichen Richtungen. Kommunisten und Konservative, Sozialdemokraten und Liberale, Gewerkschafter und Militärs, engagierte Christen und viele mehr. Und er beruhte neben den Frauen im Widerstand auch auf den Frauen der Widerstandskämpfer. Gerade weil dieses Netzwerk des 20. Juli umfassend war, können wir an diesem Datum dem gesamten Widerstand gedenken. Die vielen Gesichter, unterschiedlichen Biographien und die vielen Formen des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur und gegen die Judenverfolgung werden hier sowohl in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand als auch der Gedenkstätte Stille Helden gezeigt.


Wir denken an all die Männer und Frauen aus dem Widerstand, weil die Erinnerung an sie auch nach 82 Jahren wichtige Lehren für jeden von uns bereit hält. Diese Lehren scheinen trotz zunehmenden zeitlichen Abstands immer dringlicher zu werden.


Eine lautet, nach dem Vorbild des Widerstands immer wieder die Anstrengung zu unternehmen, Gräben zu überwinden, die uns vermeintlich trennen;
Gräben der Polarisierung, Gräben unterschiedlicher Herkünfte und Weltanschauungen. Die Gegnerschaft zu Hitler einte Menschen, die sich in normalen politischen Zeiten vermutlich nicht einmal auf der Straße gegrüßt hätten. Exemplarisch mag nicht nur die Freundschaft des konservativen Offiziers Claus Stauffenberg mit dem Sozialdemokraten Julius Leber gewesen sein. Es kamen Kontakte zustande, die jenseits der NS-Diktatur wohl undenkbar gewesen wären: so befürwortete Stauffenberg auf Vorschlag von Adolf Reichwein auch ein konspiratives Treffen mit Vertretern des kommunistischen Untergrundnetzwerkes. So fanden die Widerständler unter den Bedingungen der Diktatur über die Grenzen ihrer politischen Überzeugungen zusammen und handelten gemeinsam.


Andere Lehren hält die Beschäftigung mit den Biographien der Männer und Frauen des Widerstands bereit: es gab diejenigen, wie Sozialdemokraten,
Kommunisten und Gewerkschafter, die von Anbeginn des Nationalsozialismus und schon vor 1933 im Widerstand waren. Die Gedenkstätte Deutscher
Widerstand widmet sich diesem Widerstand aktuell unter dem Titel: „Dieser Feind steht rechts!“ in einer Sonderausstellung. Aber es gab auch diejenigen, die zunächst mitgemacht, sich vielleicht verstrickt oder sogar als glühende Anhänger des NS-Regimes begonnen, dann aber im Laufe der Zeit gemerkt haben, dass sie Überzeugungen aufgesessen sind, die Deutschland in einen Abgrund von Krieg, Tod und Verbrechen geführt haben. Sie fanden die Kraft zur Einsicht und zur Umkehr. Dieser Mut ist beispielhaft und inspiriert uns dazu, immer wieder unsere eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.


Und schließlich ergeben sich klare inhaltliche Lehren: die Widerständler haben erlebt, zu welch unsäglichen Verbrechen die Willkür eines totalitären Regimes führen kann. Bei allen Unterschieden in ihren Überzeugungen waren sie sich in einem Punkt einig: er geht aus der von Ludwig Beck und Carl Friedrich Goerdeler vorbereiteten Regierungserklärung für die Zeit nach Hitler hervor. Es heißt dort u.a.:


„Gehen wir wieder den Weg des Rechts, des Anstands und der gegenseitigen Achtung!“ und weiter:
„Die zerbrochene Freiheit des Geistes, des Gewissens, des Glaubens und der Meinung wird wieder hergestellt.“


Das ist die Antwort auf die Willkür und die Verbrechen der Nazis. Sie ist zeitlos und gilt heute unverändert.


Halten wir diese Antwort, das Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit denen entgegen, die die Verbrechen der Nazis relativieren, die auf den Kult des Nationalen, des Eigenen setzen und die Minderheiten und Andersdenkende ausgrenzen. Dieser Kult des Eigenen und der Spaltung steht in diametralem Gegensatz zu dem, was den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ausmachte – und was unsere heutige Gesellschaft in einem geeinten Europa ausmacht. Jeder von uns als Teil der Zivilgesellschaft ist aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen, dieses Erbe des Widerstands gegen alle extremistischen Kräfte zu stärken und zu verteidigen. Diese Verantwortung haben wir in einem Beitrag für die FAZ zusammen mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus und der Freya von Moltke Stiftung gerade auch noch einmal unterstrichen.


Vor diesem Hintergrund freuen wir uns,
• dass an dieser Feierstunde Schülerinnen und Schüler sowie Lehrer unserer Partnerschulen aus ganz Deutschland, der Leinetalschule, der Klosterschule Roßleben, der Tisa von der Schulenburg-Schule, dem Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und der Max-Ulrich-von-Drechsel-Realschule teilnehmen,
• dass Sie lieber Herr Bürgermeister Evers gleich für das Land Berlin sprechen werden,
• dass alle Verfassungsorgane unseres Staates, der Bundesrepublik im Rahmen dieser Feierstunde Kränze niederlegen,
• dass Sie sehr geehrter Herr Minister Pistorius und Sie, sehr geehrter Herr Generalinspekteur Breuer hier für die Bundeswehr teilnehmen und mit dem traditionelle Gelöbnis heute Nachmittag das Traditionsverständnis der Bundeswehr bekräftigen, dass Gehorsam nie blind sein und soldatische Pflichterfüllung untrennbar mit Menschlichkeit und demokratischen Werten verbunden sein soll
• und schließlich freuen wir uns vor allem, dass Sie, sehr geehrte Frau Ministerin Prien heute zu uns sprechen werden und umso mehr, weil Sie ihre Rede als Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend halten.


Schließen möchte ich mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer zur Zuversicht, für die wir trotz aller Besorgnisse gute Gründe haben:


„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo
andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“

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