Grußwort

Feierstunde der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944 am 20. Juli 2026 um 11:00 Uhr im Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin anlässlich des 82. Jahrestages des 20. Juli 1944


- Der Bürgermeister von Berlin und Senator für Finanzen und Kultur, Stefan Evers -


Heute vor 82 Jahren versuchten Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter, der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein Ende zu setzen. Das Attentat scheiterte. Noch in derselben Nacht wurden die Verschwörer hier im Bendlerblock hingerichtet. Mit ihrem Tod zerbrach die Hoffnung, die verbrecherische Diktatur aus eigener Kraft zu stürzen, den Krieg zu beenden und dem Leid Einhalt zu gebieten, das Deutschland über Europa und die Welt gebracht hatte. Und dennoch ist der 20. Juli kein Tag des Scheiterns. Er ist ein Tag des Mutes. Ein Tag der Verantwortung. Und ein Tag, der uns bis heute verpflichtet. Denn die Bedeutung des Widerstands bemisst sich nicht am unmittelbaren Erfolg. Sie bemisst sich an der moralischen Größe derjenigen, die bereit waren, für das Richtige einzustehen – selbst um den Preis des eigenen Lebens. Die Frauen und Männer des Widerstands wussten, was ihnen drohte. Dennoch entschieden sie sich gegen Angst und für Verantwortung, gegen Unrecht und für Recht, gegen Gewaltherrschaft und für die Würde des Menschen. Ihr Handeln zeigt uns: Auch in den dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte gab es Menschen, die ihrem Gewissen folgten. Der militärische Widerstand des 20. Juli stand dabei nicht allein. Es gab den kirchlichen Widerstand, den gewerkschaftlichen, den studentischen Widerstand der Weißen Rose und den kommunistischen Widerstand der Roten Kapelle. Es gab Georg Elser, dessen Attentat auf Hitler bereits 1939 nur knapp scheiterte. Und es gab die vielen stillen Heldinnen und Helden, die Verfolgte versteckten, ihnen zur Flucht verhalfen oder sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens schützten. Sie alle verbindet derselbe innere Kompass: die Überzeugung, dass es Situationen gibt, in denen Schweigen Schuld bedeutet.


Der 20. Juli bewies der Welt, dass es auch ein anderes Deutschland gab. Ein Deutschland, das sich nicht mit Terror und Menschenverachtung identifizierte. Ein Deutschland, das Freiheit, Recht und Menschenwürde verpflichtet blieb. Dieses andere Deutschland war die moralische Voraussetzung dafür, dass nach 1945 Vertrauen wachsen und unsere Demokratie entstehen konnte. Dafür stehen wir bis heute in der Schuld der Frauen und Männer des Widerstands.


Gerade hier in Berlin, dem damaligen Machtzentrum der nationalsozialistischen Diktatur, erinnern wir an ihren Mut. Von dieser Stadt gingen einst Entscheidungen aus, die millionenfaches Leid, Verfolgung und Vernichtung über Europa brachten. Umso größer ist unsere Verantwortung, das Andenken an diejenigen zu bewahren, die sich dieser Gewaltherrschaft entgegengestellt haben. Einen unverzichtbaren Beitrag dazu leistet seit Jahrzehnten die Stiftung 20. Juli 1944. Mit großem Engagement vermittelt sie das Vermächtnis des deutschen Widerstands an junge Generationen. Sie bewahrt nicht nur Erinnerung, sondern stärkt auch das Bewusstsein dafür, dass Demokratie niemals selbstverständlich ist. Dafür danke ich allen, die sich in der Stiftung mit großem Einsatz engagieren. Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Botschaften des heutigen Tages: Der 20. Juli erinnert uns daran, dass die Verantwortung für das eigene Land und die Verantwortung für seine Werte untrennbar miteinander verbunden sind. Die Frauen und Männer des Widerstands handelten aus tiefer Verbundenheit mit Deutschland. Sie wollten ihr Land nicht aufgeben. Sie wollten es zurückführen auf die Grundlagen, die ein gutes und freies Gemeinwesen ausmachen: auf Recht und Menschlichkeit, auf Freiheit und Verantwortung. Die Männer und Frauen des 20. Juli waren Patrioten - weil sie den Mut hatten, für ein besseres Deutschland einzustehen. Für ein Deutschland, in dem Recht stärker ist als Willkür, Freiheit stärker als Unterdrückung und die Würde jedes Menschen unantastbar bleibt. Denn eine freie Gesellschaft lebt nicht allein von guten Gesetzen und starken Institutionen. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Von Menschen, die für Recht eintreten, wenn Unrecht geschieht. Und von Menschen, die wissen, dass Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern jeden Tag neu verteidigt werden muss. Ich bin mir sicher: Recht und Demokratie sind stärker, als diejenigen, die sie bekämpfen. Berlin wird das Vermächtnis der Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer bewahren. Denn deren Werte sind zeitlos richtig.


Vor den Frauen und Männern des Widerstands gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verneige ich mich.


 

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